Wer bestimmt, was in die Zeitung kommt und gesendet wird

Von Jennifer Meina

Ein dickes Fell zu haben, das ist wohl in vielen Berufen erforderlich, um nicht nur zu be­ste­hen, sondern auch an die Spitze zu gelangen. Ganz besonders für Frauen, die ihre Zukunft im Journalismus sehen. So zumindest war die vorherrschende Meinung bei der Podiumsdis­kus­sion „Männerhochburg im Umbau — wie Frauen den Journalismus verändern“ am Freitag, den 6. Februar, im Gießener Rathaus. Der Abend, welcher von acht Studenten der Fachjour­nalistik Geschichte der Justus-Liebig-Universität (JLU) im Rahmen eines Seminars organi­siert und moderiert wurde, hatte gleich vier hochkarätige Experten zu Gast.

Gerade eine der Pionierinnen des weiblichen Journalismus, Carmen Thomas, brachte mit ihren Anekdoten die etwa 100 Zuschauer auf ihre Seite. Sie, die vor allem noch den Älteren bekannt ist aus ihrer Zeit beim WDR oder beim Aktuellen Sportstudio, lacht heute über die Dinge, die damals gar nicht so lustig waren. „Ich habe einige leidvolle Erfahrungen machen müssen. Es war furchtbar, wie ich nach manchen Konferenzen zur Sau gemacht wurde.“ Regelmäßig habe sie sexistische Bemerkungen zu hören bekommen. So berichtete die mittler­weile 67-Jährige, dass ein Kollege nach einem Themenvorschlag ihrerseits meinte: „Müssen wir denn immer über so ein ernstes Thema reden, wo Sie doch so schöne blaue Augen ha­ben?“ Das Publikum lachte. Die Situationen damals scheinen Menschen heute so absurd, dass man sich nur darüber lustig machen kann. Etwas stiller wurde es, als Thomas berichtete, dass sie immer wieder in Leserbriefen Mord- oder Vergewaltigungsdrohungen erhalten habe. Auch Robin Detje, ehemals Leiter des Literatur-Ressorts der ZEIT und der Berliner Zeitung, berich­tete von „unangenehmen Situationen“, die er selbst mitbekommen hat. Detje, der den veran­stal­­tenden Studierenden vor allem aufgefallen war durch seine kritischen Beobachtungen anti­feministischer Artikel in einigen deutschen Feuilletons, sprach konkrete Fälle an. So habe er noch Mitte der 1990er Jahre beobachtet, wie aus „karrieretechnischen Gründen die Ge­schlech­ter­positionen auf erotischer Ebene ausgenutzt wurden“. Ebenso war es auch zu Thomas’ aktiver Zeit. Frauen „standen unter Generalverdacht, schlechter als ihre männlichen Kollegen gewesen zu sein“ und sich eben anders hochgearbeitet zu haben.

Eine andere Sicht auf die wahrgenommenen Machtstrukturen konnte Georg Cadeggiani ge­ben. Der WDR-Kolumnist und freie Journalist arbeitete während seiner Zeit in der Brigitte-Redaktion vorwiegend mit Journalistinnen zusammen. Hier habe er sich immer wohl gefühlt, seine Meinung sei seinen Kolleginnen immer wichtig gewesen. Er ist sich sicher: „Auch zu einer Frauenzeitschrift gehört eine männliche Perspektive.“ Zu ihren Zeiten, so entgegnete Thomas, habe umgekehrt „niemand daran gedacht, Frauen danach zu fragen, wie sie etwas sehen.“ Diese Einstellung sei in manchen Redaktionen wohl auch heute noch zu spüren. Männer, die sich dagegen stellen und zu Frauen bzw. Feministinnen stehen, werden als „lila Pudel“ bezeichnet, erzählte Detje. Stolz fügte er hinzu, dass seit er dies weiß, „mein Profilfoto bei Facebook ein lila Pudel ist“.

Für die Erfahrung mit einer rein weiblichen Redaktion stand die Journalistin Chris Köver auf der Bühne. Köver, die die Redaktionen der ZEIT und der Neon miterlebte, gründete 2008 das Missy Magazine. Für diese feministische Pop-Zeitschrift, wie die Gründerin sie selbst be­zeichnet, schreiben ausschließlich Autorinnen. Der harschen öffentlichen Kritik einiger Journalisten, dass es sich hierbei ja auch um eine Art Diskriminierung handle, entgegnete Köver: „Wir versuchen nur eine Disbalance auszugleichen – dies scheint leider nur so zu funktionieren.“ Ihr wäre es auch lieber, wenn „Männer und Frauen gleichermaßen die Medien gestalten.“ So lange dies aber nicht der Fall sei, solle das Missy Magazine dafür sorgen, den überwiegend männlichen Meinungen, die in den Medien dominieren, entgegenzusteuern und eben „Frauen einen Raum zum Sprechen lassen.“ Das Bemerkenswerte: Der Beruf des Journalisten ist statistisch gesehen eher weiblich. In den großen Journalistenschulen gibt es mehr Studentinnen, auch etliche Redaktionen beschäftigen vorwiegend Frauen. „Wagt man aber einen Blick nach oben“, wie Köver rät, sieht man die Ungleichheit: Die, die wirklich bestimmen, was in die Zeitungen kommt, sind weiterhin meist Männer. Eine Männerhochburg besteht also nach wie vor. Und  „ohne  eine (vorgeschriebene) Quote wird es sich nicht ändern“, resümierte Thomas.