An der Presse vorbei: Die Entsachlichung des US-Präsidentschaftswahlkampfs durch die Social Media

🗓 Mittwoch, 26.Oktober 2016, 17 Uhr in Hörsaal A 4

Abendveranstaltung mit Prof. Robert R. Shandley von der Texas A&M University

Eine wachsame, kritische Presse ist eine Säule der liberalen Demokratie. Und dennoch versuchen Politiker seit geraumer Zeit verstärkt, ihre Botschaften ohne die Vermittlung durch Journalisten und damit unkontrolliert (und in vermeintlich eigener Regie) zu verbreiten. Der gegenwärtige amerikanische Präsidentschaftswahlkampf ist ein Paradebeispiel für den Einsatz der sogenannten sozialen Medien und seine Folgen. Zwar verfolgen Clinton und Trump unterschiedliche Strategien. Doch die politische Debatte ist insgesamt viel stärker geprägt von den mehrfach täglich direkt von den Kandidaten über Twitter und Facebook verbreiteten Mitteilungen und den Reaktionen auf sie als von dem, was in der Presse und anderen etablierten Medien von Journalisten berichtet, überprüft, abgewogen und kommentiert wird. Mit der enormen Beschleunigung geht eine ebenso massive Entsachlichung des Wahlkampfes einher, eine Verschärfung und Verrohung des Tons sowie eine Verkürzung der Argumente, wenn man denn überhaupt noch von einem Austausch von Argumenten sprechen kann.

Der Medienwissenschaftler und Germanist Robert Shandley von der Texas A&M University hat den U.S. Wahlkampf über die Social Media aufmerksam beobachtet und analysiert. In dieser Veranstaltung werden Beispiele aus Twitter, aus Blogs und aus dem traditionellem Journalismus einer vergleichenden digitalen Textanalyse unterzogen, um herauszufinden, auf welche Weisen die direkte Kommunikation prägt, was im Wahlkampf wie zur Sprache kommt. Zudem soll überprüft werden, inwieweit die Kandidaten in den Fernsehdebatten über den von den sozialen Medien gesetzten Rahmen hinausgehen. Und schließlich wird anhand von Rückblicken auf frühere Wahlkämpfe zu fragen sein, ob die gegenwärtige Entwicklung wirklich so neu ist oder sich nicht schon früher abgezeichnet hat.